Bio


Im Jahre 1965 wurde ich in eine reiselustige Hamburger Familie hineingeboren. Da mein Vater spätestens am 3. Urlaubstag die nächste Reise plante, kannte ich bald nicht nur Stierkämpfe in Sevilla und die Berge von Arosa, sondern auch sämtliche Tilmann Riemenschneider Altäre entlang der Romantischen Strasse. So war es wenig verwunderlich, dass es am Hamburger Wilhelmgymnasium schnell zu langweilig wurde und ich ins Kelly College im englischen Dartmoor überwechselte, Doc Martens anzog, meine Haare schwarz färbte und ein paar A’Levels machte. Nach einem Jahr Feinschliff in Genf studierte ich in München Völkerkunde, Kunstgeschichte und osteuropäischen Geschichte und bearbeitete für meine Magisterarbeit eine Sammlung ostafrikanischer Amulette im Budapester Völkerkundemuseum.

Wiederbelebung in Berkeley und London

Dann war es höchste Zeit für eine Reanimation und ich begleitete meinen Freund an die University of California in der People’s Republic of Berkeley. Hier, mit Blick auf Golden Gate Bridge und unter den Fittichen von Laura Nader entdeckte ich, dass Anthropologie weit mehr bot als Verwandtschaftsbeziehungen auf Tonga und Rituale sibirischer Schamanen. Indem sie höchst konkrete, und oft scheinbar banale, Praktiken und Alltagsobjekte mit größeren sozio-politischen und philosophischen Fragestellungen verband, bot Kulturanthropologie ein faszinierendes Werkzeug zum Verständnis aktueller Entwicklungen weltweit. Meine Dissertation über deutsche Kulturmuster führte mich in der Folgezeit auch ans University College London, wo Daniel Millers Seminare über modernen Massenkonsum auf Trinidad mir eine ganz neue Betrachtung der Globalisierung eröffneten.

Ist der Burger böse?

Globalisierung war damals, Anfang der 1990er, ein Thema, welches in Deutschland ausschließlich aus der wirtschaftlichen Perspektive diskutiert wurde. Die Auswirkungen aus Kultur und Alltagswelt waren völlig unterbelichtet und erstickten im Kulturpessimismus. Es zirkulierten zwei miteinander konkurrierende Szenarien: Im Bild der globalen Kulturschmelze wurden einst kulturell eigenständige Gesellschaften von weltweit verfügbaren Waren und Medien überrannt. In einer Welt, in der Menschen von Bratislava bis Bangkok Big Mac essen, auf raubkopierten Windowsversionen arbeiten und MTV sehen, erschien kulturelle Vielfalt akut bedroht. Die zweite, nicht weniger apokalyptische Zukunftsvision, sah die Welt in kulturelle Fragmentierung und interkulturellen Konflikt versinken. Als Antwort auf die Homogenisierung (sprich Amerikanisierung) schien Gesellschaften nur die Abschottung gegen Fremdeinflüsse und die Zuflucht zu einem übersteigerten ethnischen Bewusstsein übrig zu bleiben.

Nachdem ich in London gelernt hatte die Grundannahmen dieser Szenarien in Frage zu stellen, fing ich gemeinsam mit Ina Zukrigl an, für die deutsche Leserschaft eine neue Sicht zu formulieren. In der war kultureller Wandel nicht unweigerlich ein Nullsummenspiel, sondern barg die Chance einer neuen kulturellen Vielfalt. Denn die weltweit zirkulierenden Waren, Ideen und Institutionen haben für unterschiedliche Menschen und Gruppen nicht nur höchst unterschiedliche Bedeutungen, sie werden auch in den Dienst lokal sehr verschiedener Projekte gestellt und verändern sich dabei. Big Macs bedeuten in Moskau etwas anderes als in Taipei, indische Migrantenkinder in London sehen die Seifenoper Neighbours mit anderen Augen als australische Jugendliche und junge Kongolesen adaptieren Pariser Haute Couture auf ihre ureigene Weise. Sie alle benutzen „Fremdes, um mehr wie sie selbst zu werden“ (M. Sahlins).

Während der fast zehnjährigen Zusammenarbeit mit Ina entstanden nicht nur ein Buch, Tanz der Kulturen, sondern viele Artikel und Vorträge zur kulturellen Globalisierung. Darunter auch eine langjährige Kolumne für brand eins, in der wir über Werbung auf Sri Lanka, Cricket in der Südsee oder Copyright bei den Hopi berichteten.

Berlin und anderswo

Inzwischen hatten Stephan und ich zwei Kinder bekommen und waren nach Berlin gezogen, der einzigen deutschen Stadt, die es mit Berkeley und London aufnehmen konnte. Zwischen Kinderladen und Spielplatz begann auch meine Zusammenarbeit mit dem ungarischen Anthropologen Pál Nyíri. Während sich mein Mann gemeinsam mit dem besten Freundinnennetzwerk der Welt um Lilian und Vico kümmerte, konnte ich für eine Studie über die Lebenswelten sowjetischer Physiker durch Russland reisen, in Belize den Gebrauch von Internetcafes studieren, auf den Spuren von Auslandschinesen durch Osteuropa wandeln und den neu aufkommenden russischen und chinesischen Massentourismus in Sichuan und Sibirien erforschen. Die resultierenden Publikationen wenden sich zum einen an ein akademisches Publikum (in Journalen wie Current Anthropology oder Espace Temps), sie bemühen sich zugleich aber auch ein breites Publikum für die anthropologische Perspektive zu gewinnen (z.B. in FAZGeo oder OE – Zeitschrift für Organisationsentwicklung). Dieser Ansatz verschaffte mir auch die Ehre im Auswärtigen Amt und dem Bundespräsidialamt beratend tätig zu sein.

Welche Rolle spielt Kultur?

Die Kooperation mit Pál, der damals den Studiengang für Applied Anthropology an der Macquarie University leitete, ermöglicht es mir regelmäßig mein Lieblingscafe in Sydney auf zu suchen. Für Macquarie haben wir einen Kurs „How does culture matter?“ entwickelt, indem wir kritisch den inflationären Gebrauch von „Kultur“ und „Interkulturalität“ in internationaler Politik, Entwicklungshilfe und Wirtschaft beleuchten und uns bemühen konkrete Kriterien zu entwickeln, wann kulturelle Unterschiede nur behauptet werden und wann sie – da relevant – in die institutionelle und politische Praxis einbezogen werden müssen. Gemeinsam mit Pál schrieb ich dann das Buch Maxikulti (2008, Campus Verlag). Die doppelt so umfangreiche englische Version ist 2009 bei der University of Washington Press erschienen.

Einmal um die Welt – zu betterplace.org

2006 gönnten wir uns als Familie eine phantastische Auszeit und reisten einmal um die Welt. Eine Reihe von außergewöhnlich guten sozialen Grass-roots Projekten gab dann den Ausschlag, dass Stephan und ich eine Plattform für soziale Initiative ins Leben riefen, die kurz darauf durch einen „Merger“ zu www.betterplace.org wurde. Seit 2007 arbeite ich als Teil eines großartigen Teams an dem Aufbau der Plattform und habe Anfang 2010 das betterplace lab ins Leben gerufen.

In der wenigen Zeit die mir neben Familie und betterplace verbleibt, erprobe ich mich (gemeinsam mit meiner Freundin Judith Homoki) an einem ersten Kinderbuch – dem Auftakt zu einer Städtekrimiserie für Jugendliche zwischen 11-16 Jahren.